Atmosphärisches und Spielerisches

Eingang…Langsam öffne ich die schwere, hohe Eingangstür. Sie knarrt als wäre sie aus einem anderen Jahrhundert. Es eröffnet sich ein langgezogener, miefiger Eingangsbereich eines alten Zinshauses. Zunächst fällt mein Blick auf den schon abgenutzten, an vielen Ecken abgestoßenen Mosaik-Boden. Jugenstil! Am anderen Ende des Raumes befindet sich ein kleines Fenster von dem aus ein Lichtstrahl in schräger Linie auf den Boden fällt und einen kleinen Bereich des Mosaiks erhellt. Neben dem Fenster erblicke ich im Dunkeln eine Treppe mit schmiedeeisenem Handlauf. Ich trete zunächst vorsichtig, dann bestimmter ein. Mein Blick streift vom Boden links, dann rechts zur Wand. Suchend nach möglichen Hinweisen. Jedes noch so kleine Zeichen könnte auf einen Schatz, ein Werkzeug oder aber auf Gefahr verweisen. Auf der rechten Seite entdecke ich eine Reihe metallener Briefkästen. Manche sind ausgebeult. Spuren eines gemeinen Briefkasten-Raubes? Soll ich einen Blick in den Briefkasten wagen oder gleich die Treppe rauf? Auf Zeit spielen oder auf ein erfreuliches Paket im Briefkasten hoffen? – Ich nehme meinen Mut zusammen und öffne den Briefkasten. Darin befindet sich ein bräunliches Paket. Mit Kugelschreiber wurde eine Adresse darauf vermerkt. Die Verpackung ist – vermutlich durch den Postweg – sehr in Mitleidenschaft gezogen. Wienerisch würde man sagen, es ist „obgschnuddlt“. Mein Interesse gilt aber nicht der Verpackung, sondern der Frage was sich darin befindet… Etwas erfreuliches oder…

Über Atmosphären und Spiele und Computer und Konsolen…

Ist diese Szene ein Roman-Ausschnitt? Die Beschreibung einer Szene des sonntäglichen „Tatorts“? Eine Sequenz eines Computerspiels? Fiktion oder Real?

Zwischen_WeltenEs beschreibt die Szene als ich heute in das alte Wiener Zinshaus, in dem sich meine Wohnung befindet, gekommen bin. Gespannt warte ich schon seit einigen Wochen, bis in dem oben erwähnten Briefkasten endlich das Autorenexemplar des Sammelbandes „Zwischen/Welt. Atmosphären in Computerspiele“ (Hrsg. Huberts & Standke, 2014) liegt.

Das Buch beschäftigt sich mit der Frage der Rolle von Atmosphären und Atmosphärischem in Computerspielen. Was ist eine Atmosphäre? Wie wirken Räume und ihre Atmosphäre auf uns? Machen Atmosphären in Computerspielen was mit uns, und wenn ja, was?! Damit alle AutorInnen sowie das LeserInnenpublikum das gleiche Verständnis von Atmosphären haben (da gibt es ja eine große Bandbreite davon!), wird im Sammelband vor allem das Atmosphären-Konzept Gernot Böhmes (1995; 2001) herangezogen.

Mein Beitrag trägt den Titel „Spiel als besondere Form der Atmosphäre.

Ich beschäftige mich über die Frage nach Atmosphäre in Spielen (jeglicher Art) hinaus, mit jener ob das Spiel selbst als Atmosphäre gefasst werden kann? Bei Huizinga (1939) finden wir die bekannte Beschreibung, dass wir uns beim Spielen in einen „heiligen Kreis“ begeben. Wir befinden uns temporär auf einem „Spielplatz“; sei dieser nun tatsächlich räumlich oder auch virtuell gegeben. Der Eintritt in diesen Spiel-Zirkel ähnelt dem, was Gernot Böhme (1995; 2001) beim Eintritt in eine Raum-Atmosphäre beschreibt.

Ich beschäftige mich also mit dem Verhältnis von Spiel und Atmosphäre. Dies tue ich unter der Prämisse beiden Phänomenen auf gleicher Ebene zu begegnen und nicht eines für die Definition des anderen zu „missbrauchen“. Es geht daher nicht um eine Suche von Atmosphären in Spielen, sondern um die Suche einer Atmosphäre als Spiel oder umgekehrt eines Spiels als Atmosphäre. Der Beitrag versteht sich als Versuch an Hand des Vergleichs der Phänomene einem möglichen neuen Weg in der Spielauffassung nachzugehen.Handlauf1

Quellen

Böhme, Gernot (1995) Atmosphäre: Essays zur neuen Ästhetik (6. Aufl.). Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag.

Böhme, Gernot (2001) Aisthetik. Vorlesung über Ästhetik als allgemeine Wahrnehmungslehre. München: Fink.

Grünberger, N. (2014). Spiel als besondere Form der Atmosphäre. Zur konzeptuellen Beziehung der Phänomene Spiel und Atmosphäre. In C. Huberts & S. Standke (Hrsg.), Zwischen/Welten. Atmosphären im Computerspiel. Gückstadt: Werner Hülsbusch Verlag.

Huberts, C., & Standke, S. (Hrsg.). (2014). Zwischen/Welt. Atmosphären im Computerspiel. Glückstadt: Verlag Werner Hülsbusch. (Link zum Verlag + Bestelloption)

Huizinga, Johan (1939) Homo Ludens. Vom Ursprung der Kultur im Spiel (22. Aufl.). Hamburg: Rowohlt (2006).

Auf anderen Blogs

Hier noch ein Interview mit den Herausgebern

Christian Huberts: Zwischen|Welten: Atmosphären im Computerspiel …ist endlich da!

Stefan Höltgen/Simulationsraum: Spiel, Regel und Bruch

Lesen mit Links: Räume in Games

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s